Every day the same shit

Das Spukhaus von Chessex

Mr. Wong bittet um einen Gefallen

Das Spukhaus von Chessex
(04.07.2015 – Svenja, Franzi2, Eva)

Lardia war bei ihrem regelmäßigen Training im Center. Als KI-Adept musste man sich fit halten, das war in ihrem Berufsfeld als Runner überlebenswichtig. Seit sie hier war trainierte sie bei Mr. Wong. Mister Wong war ein Chinese mit fundiertem Wissen in Kampftechnik und er war einer von der netten Sorte. Sie sah auch Lynn dort. Sie liefen sich hier oft über den Weg, man verbrachte eben einfach viel Zeit hier. Nach allem was sie über sie wusste, war sie in Ordnung. Ihre Technik war solide und ihr Umgangston stets höflich, das gab es auch anders. Heute winkte Mr. Wong sie beiseite und bat sie beide noch einen Moment zu bleiben. Das war ungewöhnlich. Normalerweise liefen diese Dinge sehr geschäftsmäßig ab: man trainierte, verabschiedete sich höflich und machte sich vom Acker. Keine Floskeln, kein Gequatsche, kein Austausch privater Informationen. Sie war gespannt, was es damit auf sich hatte. “Meine lieben Mädchen” hob er an, die beiden sahen sich an. ˋLiebe Mädchenˋ, war nun keine Beschreibung, die sie allzuoft zu hören bekamen und so richtig zutreffend war sie auch nicht. Mr. Wong sprach weiter “Haben sie Elfahlung mit Geistern?”, wieder sahen sie sich an. Sie zuckten mit den Achseln und schüttelten die Köpfe. “Genauel gesagt, mit Spukhäuseln. Eine Fleundin von mil hat ein Ploblem und ich dachte sie zwei könnten vielleicht helfen. Was sagen sie? Sie hätten wilklich etwas gut bei mil”. Schwer zu sagen was den Ausschlag gab, aber seinem Kampfmeister gab man eigentlich auch keine Abfuhr, und so nickten sie beide. “Ich habe hiel eine Adlesse” fuhr er fort und hielt ihnen einen Zettel mit chinesischen Schriftzeichenhin hin. Lynn starrte den Zettel an, dann seufzte sie und steckte ihn ein. Mithilfe der Matrix hatten sie die Schriftzeichen innerhalb kürzester Zeit zu einer brauchbaren Adresse in Snohomish übersetzt. Sie beratschlagten sich kurz und da keiner von ihnen weder magisch, noch astral besonders bewandert war, einigten sie sich darauf noch jemanden ins Boot zu holen. Und so rief Larida die einzige Person an, die infrage kam, die sie kannte: Vivi. Gewohnt aufgeräumt beantwortete die kleine Frau ihren Anruf umgehend. Und wie sie gehofft hatte war sie ebenso schnell für diesen kleinen Exkurs zu begeistern “Geister? Das ist ja spannend”. Da sie alle kein Auto besaßen, verabredeten sie sich alle für den nächsten Morgen an der Bushaltestelle Richtung Snohomish.
Lynn und Vivi stellten sich einander vor und die KI-Adeptin begann die andere Frau umgehend zu ihrem Wissen rund um Geisterphänomene zu befragen. Gutgelaunt klärte Vivi sie darüber auf, dass sie kein besonderes Wissen, oder Erfahrung auf dem Gebiet aufweisen könne, das aber nichts ausmache, da hinter den meisten Geisterphänomenen sowieso andere Dinge steckten. Das sei zwar nie was Schönes, aber damit würden sie dann schon fertig werden. Na das konnte ja heiter werden. Gerade als Lynn dachte, schlimmer könnte es nicht werden, verkündete Vivi fröhlich “Ich kannte mal einen Typen, der war professioneller Geisterjäger. Das soll sich mal einer vorstellen: Geisterjäger! Hahaha. Wie auch immer, schade dass ich seine Nummer nicht aufgeschrieben habe, der könnte jetzt tatsächlich nützlich sein”. Halleluhja. Lynn betrachtete die halbe Portion Mensch, die bei sengenden Temperaturen in einem langen, schwarzen Mantel an der Bushalte stand und kein Wässerchen zu trüben schien. Die Aussichten steigerten ihre Laune nicht wirklich: Es war brütend heiß, ihre Verstärkung war völlig unbedarft, sie hatten keine Ahnung was auf sie zu kam und sie hatten mindestens eine Stunde Busfahrt vor sich. Lardia hingegen schien nicht im mindestens beunruhigt und Lynn war sich absolut nicht sicher, ob das ein gutes, oder schlechtes Zeichen war. Abwarten. Immerhin kam der Bus pünktlich und brachte sie ohne Unterbrechung zu der angegebenen Adresse. Irgendwann verließen sie den städtischen Bereich mit seinen hunderten an Wohneinheiten und das Gebiet wurde ländlicher: quadratkilometerlange eingezäunte Felder mit den konzernüblichen Emblemen und Sicherheitsvorkehrungen, so weit das Auge blickte. Und irgendwo ganz versteckt inmitten der industriellen Felder erschien ein kleines Gehöft. Das war ihr Zielort. Ein altes Haus mit großer Veranda, einem leicht verwildert wirkenden Garten und einem windschiefen Briefkasten in der staubigen Einfahrt. Überall Dekorationen von allerlei Kitsch und Tand, selbstgehäkeltes “zierte” Fenster und Veranda, wirklich zum Gruseln klischeehaft. Alle drei Frauen standen erstmal dort, und nahmen das ganze Bild in sich auf. Schließlich sahen sie sich an und einigten sich stumm darauf hineinzugehen.

Misses (wie sie sehr betonte) Chessex war genau wie ihr Haus: herzlich, kitschig, etwas wild drauf und alternativ. Innerhalb weniger Minuten überschüttete sie die “Mädchen” mit ihrer Lebensgeschichte, Informationen zum Haus und seinen Bewohnern. Scheinbar befindet sich das Haus schon seit den 1990ern in ihrem Besitz (verdammt gut gehalten, die Gute) und entstammte der Flowerpowerzeit mitsamt seiner Hippie-Kommunen. Aus diesen Tiefen der Vergangenheit kannte sie wohl auch Mr. Wong (Lardia versuchte verzweifelt ein Bild von Mr. Wong in Hippie-Outfit aus ihrem Kopf zu verbannen). Sie beklagte sich darüber, dass ihre kleine WG schon lang nicht mehr das gleiche war wie früher (Gott sei dank), mittlerweile wohnten hauptsächlich Studenten hier. Das leuchtete ein, die Mieten in der Stadt waren nahezu unbezahlbar und dafür nahm man als Student, der eher Zeit als Geld hatte, auch eine längere Fahrtstrecke zur Universität auf sich. Und vor etwa einem Monat hatte es dann auch noch diesen tragischen Unfall gegeben. Ein junger Mann, einer besagter Studenten, war aus dem oben Stockwerk in den Freitod gestürzt. “So ein netter junger Mann”, Misses Chessex konnte es gar nicht glauben. Danach begann der Spuk. Seither wackelten täglich um Mitternacht die Wände und versetzten die Bewohner in Angst und Schrecken. Die meisten Parteien seien mittlerweile ausgezogen, was für den kleinen Selbsterhalterhof existenzbedrohend sein musste. Lediglich zwei Leute waren geblieben: Eric, ein gutmütiger Orc mit etwas schlichtem Gemüt und Wilhelma, eine menschliche Studentin, die den Toten sogar gekannt haben musste, wie man dem Gespräch entnehmen konnte. Nach einer Tasse Tee – oder zwei, oder drei – mit der guten Misses Chessex und der damit einhergehenden Informationsflut, wollten sich die drei Runnerinnen das Zimmer des armen Jungen gern einmal genauer ansehen. Die Herrin des Hauses führte sie ohne Umstände hin und zeigten ihnen gleich noch ihr eigenes Zimmer, das auf demselben Flur lag. Wie praktisch. Sie hatten sich dafür entschieden sich eins zu teilen, weil sie es sowieso nicht für klug hielten sich zu trennen, egal was sie erwartete (Vivi war ganz begeistert gewesen, “Pyjamaparty!”, woraufhin Eric am Tisch rot angelaufen war. Das hatte dem kleinen Biest natürlich auch noch diebische Freude bereitet).

Im Zimmer von Sven Nordsun herrschte heilloses Chaos. Nicht, dass das nach jemandes Ableben noch groß wen interessiert hätte, aber Lynn dachte sich sofort, dass die Unordnung irgendwie System hatte. Misses C. schien es eingermaßen unangenehm zu sein, erzählte sie doch gleich, dass der junge Sven doch eigentlich so ordentlich gewesen sei, aber man schaue den Leuten ja nicht ins Zimmer. Was den Verdacht der Privatschnüfflerin nur noch erhärtete. Vivi sah sich im Zimmer um, während die Hausdame immer weiter plauderte. Noch bevor diese es aussprach, registrierte sie, dass das Fenster nach außen zerborsten war. Der Kerl hatte sich durch das geschlossene Fenster in den Tod gestürzt? “Freiwillig?”, sprach sie es laut aus. Sie war zwar kein Detektiv, aber ein helles Köpfchen und das war nun wirklich sehr… unwahrscheinlich. Lynn sah ebenfalls skeptisch aus. Vom Fenster aus hatten sie einen guten Blick auf die Absturzstelle, sie war gut 10 Meter von ihnen entfernt. Sie drehten beide die Köpfe, betrachteten das winzige Zimmer und maßen die Entfernung zu Fenster und Aufprallort. Die beiden ungleichen Frauen sahen sich an, Vivi zog eine Augenbraue hoch. Sie brauchten es nicht auszusprechen, sie dachten es beide, dass das kein Selbstmord gewesen war.
Lardia nahm den Raum und die Umstände ruhig in sich auf und lautsche Misses Chessex Erläuterungen sehr genau. Sie stellten ein paar Fragen, die die gute Seele ehrlich und ausfühlich beantwortete. Sie konnte zwar leider nicht genau bestimmen, was Sven studiert hatte, aber dass er ein gutes Händchen für Pflanzen gehabt hatte. Zuletzt hatte er sich der Tomaten angenommen, die nun wirklich außergewöhnlich prächtig und üppig wuchsen. Irgendwann war ihre erste Inspektion abgeschlossen und sie gingen.

Während Vivi sich kurz darauf plötzlich unangemessen stark für einen Misthaufen auf dem Hof interessierte, sah Lynn für sich die richtige Gelegenheit gekommen, sich nochmal alleine in dem Zimmer dieses Sven etwas genauer umzusehen. Dieses Zimmer war definitiv durchwühlt worden, jemand hatte etwas gesucht. Leider konnte sie keinen Hinweis darauf entdecken, was. Misses C. hatte ihnen gesagt, der Junge habe irgendetwas mit Agrarwissenschaften studiert und die Magierin war geradezu besessen gewesen von dem Gedanken, seine Facharbeit müsse irgendeinen bahnbrechenden Hinweis enthalten (Bücherwürmer! Seufz). Doch leider ließ sich nichts derartiges entdecken.

Zeitgleich “vergnügte” sich Vivi am Misthaufen. Vom Fenster aus war ihr aufgefallen, dass sich rund um den Misthaufen ein klar abgegrenzter absolut symmetrischer Kreis verdorrter Erde zog. Das war sicher nicht normal und musste sie sich genauer ansehen. Und jetzt, da sie direkt davor stand, kam sie auch sogleich in den Genuss des Gestanks. Nun war Landluft mit Sicherheit nicht eines ihrer bevorzugten Odeurs, aber dieser hier stank sogar für seine natürliche Bestimmung zu sehr. Er roch… irgendwie falsch. Nicht nach dem üblichen organischen, von Bakterien und Kleinlebewesen zersetzter Pflanzenteile-Mief, sondern nach Kadaver. Ja, als ob eine ganze Kuh oder sowas in dem Haufen verrotten würde. Es war zum Weglaufen. Eric lief mit einer Schubkarre vorbei und gesellte sich zu ihr. “Stank der schon immer so?” fragte sie unter Schnappatmung. “Nein, erst seit etwa drei Monaten. Wilhelma meinte auch, das sei nicht normal und daher haben wir ihn bereits schon zwei mal komplett umgegraben, aber nichts gefunden.” Hm, also schien diese Wilhelma zumindest ein bisschen Ahnung zu haben. Sie öffnete ihren Blick für die astrale Ebene und dort bestätigte sich, was sie eigentlich schon wusste: eine starke und bedrohliche Magie lag über dem Misthaufen. Sie sah sich unter dem Blick auch die Tomaten von Sven an und auch das überraschte sie nicht, sie wiesen eine ebenfalls deutliche, aber völlig andere magische Signatur auf. Aufmerksam nahm sie die Umgebung auf dieser Ebene in Augenschein. Auf dem Hof gab es nicht ungwöhnliches zu entdecken, auch wenn das in diesem Fall mit Sicherheit nur dem Umstand zu verdanken war, dass abscheuliche Häkeldeckchen keine magischen Abdruck hinterließen, kicherte sie in sich rein. Doch die Abgrenzung zu den umliegenden Feldern, war eine ganz andere Geschichte. Da es samt und sonders Konzernfelder waren, hatten sie selbstverständlich relativ hohe Sicherheitsprotokolle. Nur dass sie nicht relativ hoch waren, sondern immens hoch. Das war seltsam. Statt der üblichen Laserschranken, garniert mit ein paar Watchern umgab die Felder ein dichtes, hochenergetisches magisches Netz. Fast so, als versuche man nicht jemanden am Eindringen zu hindern, sondern am Entkommen. Interessant. Doch das war jetzt nicht das Problem, sondern die Spukgeschichte, also kehrte sie der Aussicht den Rücken und schloss die Sicht wieder.

Drinnen trafen die drei wieder aufeinander und sobald sie unter sich waren, tauschten sie Erkenntnisse und Eindrücke aus. Lynn war sich sicher, dass Sven Nordsun keinen Selbstmord begangen hatte. Sie hatte auch nach seiner Facharbeit gesucht, aber das einzige Schriftstück, dass sie finden konnte war völlig unspektakulär. Vivi berichtete von den magischen Signaturen des Misthaufens (“die Sache stank wirklich zum Himmel”, giggel), sie es aber leider nicht weiter eingrenzen könne und von Wilhelmas Beteiligung an der Umgrabungsaktion. Es war also klar, dass sie sich dringend mit Wilhema unterhalten mussten, allerdings war die noch nicht da. Sie diskutierten gerade wieder die mysteriösen Todesumstände des Herrn N., als Lardia eine geniale Idee hatte. “Hört mal Leute, die Konzernfelder hier außenrum haben doch überall Kameras, und die sind nicht nur auf ihr eigenes Gebiet gerichtet. Ich möchte wetten, dass es mindestens eine Kamera gibt, die hier aufs Grundstück gerichtet ist und alles aufgezeichnet hat”. Vivi hüpfte vor Aufregung auf der Stelle, Lynn war zwar angetan von der Idee, hatte aber deutliche Zweifel, ob man uns die Aufzeichnung einfach so zeigen würde. “Ich würde an deiner Stelle einfach ”/characters/lardia" class=“wiki-content-link”>Lardia schicken" sagte Vivi mit einem verschmitzten Grinsen und zwinkerte ihr zu. Die Elfe prüfte bereits ihr Outfit, denn ihre Erscheinung in Kampfmontur wäre in dieser Sache nicht zweckdienlich gewesen. Doch sie war lässig in kurze Jeans und T-Shirt gekleidet und sah darin einfach umwerfend aus. Dann setzte sie ihr charmantestes Lächeln auf und wackelte zu dem Wachhäuschen hinüber, das zu dem Grundstück mit der vielversprechendsten Kamera zu Svens Fenster gehörte. Sie begann eine Unterhaltung mit den Wachleuten (zum Glück waren es alles Männer) und kurz darauf hörten sie auch schon Gelächter. Das ganze Spektakel dauerte nur wenige Minuten, da kam sie auch schon mit einer DVD in der Hand angetrabt. Einfach unglaublich. Und dem Himmel sei Dank hatten diese Wachleute den langweiligsten Job der Welt.

Gespannt betrachteten sie die Aufzeichnungen, auf denen deutlich eine kleine Gestalt mit menschlichem Umriss zu sehen war, erheblich kleiner als das Opfer. Dennhoch hebt die Gestalt den jungen Sven mühelos hoch und schleudert sie mit viel Kraft durch das Fensterglas. Na also, These bestätigt. Nur leider gibt es keinen Hinweis darauf, wer der Unbekannte ist.

Die drei Runnerinnen befinden sich gerade im ersten Stock, während sie darauf warten, dass Wilhelma endlich zu Hause auftaucht, als sie Misses Chessex im Erdgeschoss mit jemandem reden hören. Die gute Frau klang aufgeregt und gestresst, außerdem schien sie wütend zu sein. Versteckt nahmen sie den Ankömmling und sein Fahrzeug in Augenschein: es war ein großer, schlanker Mann, die Glatze mit seltsamen Symbolen tätowiert. Er war in einem roten Jeep vorgefahren und redete mit eindringlicher Stimme auf die Frau des Hauses ein. Scheinbar wollte er das Grundstück kaufen und hatte wohl auch schon mehrere Angebote unterbreitet, die Misses Chessex alle ablehnte. Sie wollte nicht verkaufen. Der Mann ließ nicht locker und es schwang ein unangenehmer Unterton mit, als er sie darauf hinwies, dass ihre Schwierigkeiten durch die aktuelle Spukgeschichte ja nur noch zunahmen. Die drei Runnerinnen sahen sich an: der Kerl war ja verdammt gut informiert. Woher wusste er überhaupt davon? Von Misses Chessex mit Sicherheit nicht. Sehr verdächtig. Lardia und Vivi war der Mann nicht unbekannt: das war ihr Auftraggeber von dem Artefakt-Fall. Vivi erinnerte sich, wie mächtig dieses Artefakt gewesen war. Ein Magiefokus, der bis zum Bersten vollgeladen war, wirklich mächtiges Mojo und es lief ihr eiskalt den Rücken runter. Wenn dieser Kerl nichts mit diesem dubiosen Spukphänomen zu tun hatte, dann fraß sie einen Besen! Aber sie behielt ihre Vermutungen vorerst für sich, zu diesem Zeitpunkt hatten sie zu wenig Hinweise und alles andere war reine Spekulation. Im unteren Stockwerk blieb die Frau des Hauses währenddessen eisern und warf den Mann schließlich raus. Der ging zu seinem Wagen, warf dem Haus noch einen seltsamen Blick zu und fuhr weg.

Beim Abendessen (liebevoll zubereitet von Misses Chessex, Lardia war begeistert!) treffen sie dann endlich auch Wilhelma. Aus anfänglich nebensächlichem Geplänkel heraus fangen die schließlich an ein paar Fragen zu stellen: wie lange sie schon hier wohnte (interessant: seitdem der Misthaufen stank), ob sie Sven gut gekannt habe (was verneint wurde, doch laut Eric musste sie etwas mit ihm gehabt haben) und ob bei der Misthaufenumbuddelungsaktion irgendetwas herausgekommen sei. Die schon von Anfang an nicht besonders gesprächige Wilhelma wurde immer zugeknöpfter. Es war schnell klar, dass sie nicht viel aus ihr herausbekommen würden und so schnell sie konnte verabschiedete sie sich und verschwand auf ihr Zimmer.

Der Plan war die Nacht abzuwarten, sich den besagten Spuk mal anzusehen und zu sehen was man dabei herausfand. Sie hatten sich zusammen ein Zimmer gebucht. Erstens war Seattle ein verdammt teures Pflaster und keiner von ihnen hatte was zu verschenken und zweitens mussten sie sowieso zusammen bleiben. Vivi würde zum erwarteten Ereignis die Geistebene überwachen. Dazu musste sie ihren Körper verlassen und auf diesen mussten wiederum jemand aufpassen. Also würden sie die gesamte Operation von ihrem Zimmer aus starten und sich erst danach ggf aufteilen. Kurz vor Mitternacht erschaffte der Körper der Magierin und ihre Essenz schwebte in das Zimmer dieser Wilhelma. Sie wollte sehen, ob diese ganze Sache nicht von dort ausging und da sie keinen anderen Anhaltspunkt hatten, war dieser Ort so gut wie jeder andere, um mit der Suche nach der Ursache zu beginnen. Und für Vivi war es äußerst unterhaltsam. Kurz vor Mitternacht wurde die schon schlafende Wilhelma plötzlich wieder mobil. Sie stand auf, ging zielstrebig zu ihrem Schrank und holte daraus ein antik aussehendes Schwert hervor. Einzelheiten waren nicht zu erkennen, da solche Dinge auf der magischen Ebene nicht genauso existierten, wie in der normalen Welt. Sie zog es aus seiner Scheide,… und das Beben begann! Die Wände im ganzen Haus wackelten und das Beben erreichte sogar die Geistebene. Während sie das Schwert herauszog, entstieg dem Gegenstand ein Geist. Er löste sich aus dem Metall der Klinge und bildete eine menschlich wirkendes Wesen. Und es ging direkt zum Angriff über. Vivi wunderte sich gerade noch über den Umstand, es TATSÄCHLICH mit einer Art Geist zu tun zu haben, da ging es auch schon auf sie los. Na immerhin nahm es ihr damit die Entscheidung ab, wie sie damit umgehen sollte, und feuerte ihre Magie aus allen Rohren. Sie erwischte ihn auf Anhieb schwer. Seine magische Attacke war schwach und verpuffte ohne Schaden bei ihr anzurichten und mit dem nächsten Magiestoß schickte sie ihn ins Nirvana, er verpuffte. Die Erscheinungen wurden augenblicklich unterbrochen, das Beben hörte schlagartig auf. Wachsam beobachtete die Magierin das Mädchen, wie es ungläubig und verständnislos das Schwert anstarrte. Sie wirkte nicht, als verstünde sie, was da gerade passiert war. Vivi hatte sogar Zweifel, dass die junge Frau überhaupt wusste, wie genau der Mechanismus des Schwertes und die damit einhergehende Geisterscheinung funktionierte. Das kam ihr sehr zupass und sie entschied sich in ihren Körper zurückzukehren, um den anderen Bericht zu erstatten. Sie schlüpfte zurück in ihre menschliche Hülle und fühlte sich erfreulich frisch und fit. Vielleicht sollte sie sich öfter in Neverland kloppen, das hält jung. Sie erzählte ihren beiden Kolleginnen,was sie gesehen hatte und was passiert war. Diese hatten nur das Wändewackeln und dessen abruptes Ende erlebt, es juckte sie in den Fingern etwas zu unternehmen. Doch scheinbar hatte es sich für diese Nacht erledigt. Vivi hatte den Geist kaputt gemacht und damit das Spukproblem gelöst. Morgen wollten sie Wilhelma ordentlich zur Rede stellen und das Schwert sichern und so gingen sie zu Bett.
Von Motorengeräusch und dem Geräusch durchdrehender Räder wurden sie aus dem Schlaf gerissen. Das Miststück wollte abhauen, verdammt! Sie hatte doch gar kein Auto! Sie war genau wie alle anderen mit dem Bus gefahren. Lynn und Vivi stürzten zum Fenster und da sahen sie nur noch die Rücklichter eines roten SUV, wie er davonraste. Ohne zu zögern sprang Vivi aus ihrem Körper und sauste mit Geistgeschwindigkeit hinter dem Wagen her. Sie holte ihn problemlos ein, doch hinein konnte sie nicht, so funktionierte das auf der Ebene der Essenzen nicht. Ein Auto war ein toter, unbelebter Gegenstand, der sich auf der Geistebene nur undeutlich abzeichnete und ihn zu passieren war genauso unmöglich, wie den Kopf durch einen geschlossene Scheibe zu strecken. Ergo konnte sie auch nicht erkennen wer drin saß, aber sie würde ihren Arsch darauf verwetten, dass es dieser schmierige tätowierte Magier und das Hohlbrot mit dem Schwert war. Etwas kam aus dem Fenster geflogen. Wenn sie jetzt sofort umkehrte, könnte sie unbemerkt zurückkehren, aber dann hätte sie nichts gewonnen. Auf keinen Fall! Unter gar keinen Umständen würde sie die einfach so entkommen lassen. Ohoh. Vielleicht hatte sie den Mund etwas zu voll genommen. Ein riesiges Insektenwesen das aussah wie eine Gottesanbeterin entfaltete sich vor ihr zu seiner gesamten, wirklich gigantomanischen Größe. Einen Sekundenbruchteil überlegte sie, ob sie versuchen sollte mit dem Ding zu verhandeln. Bis ihr klar wurde wie bescheuert das war, das Mistvieh hatte nicht mal einen Mund! Sie stoppte ihren Flug und feuerte die erste Salve. Das Ding riss sein Maul auf und griff an. Sie wich der Attacke aus und schoss erneut, traf zum Zweiten mal mit voller Wucht. Es ging zu Boden. Sie konnte es selbst kaum fassen, aber sie hatte es geschafft. Mit einem letzten Aufschrei löste es sich auf und Bersten wie von splitterndem Glas war zu hören. Da sie aber auf dieser Ebene nichts weiter wahrnehmen konnte schlüpfte sie zurück in ihre menschliche Hülle.
Diesmal traf sie die Erschöpfung wie ein Hammerschlag. Sie sank gegen die Wand und setzte sich auf den Boden, während sie nach Atem rang. Ja sie lallte sogar ein bisschen, als sie Lynn und Lardia das Geschehen erläuterte, aber die Typen waren weg. (In Gedanken revidierte sie ihre grandiose Idee, sich auf der Ebene öfter mal zu kloppen, weil so belebend. Was für eine scheiß Idee). Sobald Vivi sich ein wenig erholt hatte, kontrollierten sie Wilhelmas Zimmer, es war leer. Natürlich. Genauso wie der Schrank, in dem das Schwert gewesen war. Wie dumm sie gewesen waren das Mädchen nicht zu bewachen, oder gleich zur Rede zu stellen. Aber nun war es zu spät. Sie machten sich auf den Weg nach draußen, in der Hoffnung doch noch irgendwelche Hinweise zu finden. Vivi entdeckte, was aus dem Fenster geflogen war: ein in eine Glaskugel gebettetes menschliches Herz. Yikes. Die unförmige Kugel war in der Mitte auseinander gebrochen, vermutlich als Folge der Zerstörung des darin gebundenen Zaubers. Sie bückte sich und hob es auf – ein schmerzhafter Schock durchfuhr sie und sie ließ das Ding fallen. Verärgert über ihre eigene Dummheit, einen solchen Gegenstand mit der bloßen Hand anzufassen – geborsten, oder nicht – wickelte sie es in ein Stück Stoff und steckte es ein. Sie würde sich bei einer ihrer Connections genauer darüber informieren. Lynn war bestimmt ein Abkömmling der Aborigines oder Winnetous, denn trotz der Dunkelheit fand sie tatsächlich die Reifenspuren des SUV. Doch als Vivi sie völlig verzweifelt fragte, ob man ihnen vielleicht irgendwie folgen könne, sah sie die kleine Frau an, als ob die nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte. Naja, ganz unberechtigt war es in diesem Zusammenhang ja nicht, das musste man wohl zugeben. Hohlwangig und mit dunklen Schatten unter den Augen, aber blitzendem Blick stand sie auf der Straße und nahm alles in sich auf, jedes Detail. Und im Gegensatz zu der Magierin ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Die waren weg, daran ließ sich nichts mehr ändern, aber sie wusste: man musste nur den Spuren folgen…

(Notiz: Weder die Anfrage bei der Uni, noch ein abermaliges Umgraben des Misthaufens durch Eric brachten verwertbare Erkenntnisse. Außerdem beschließen Larida, Vivi und Lynn dauerhaft ein Zimmer bei Frau Chessex zu mieten.)

Comments

eenara

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.