Every day the same shit

Das Artefakt

Erste Zusammenarbeit der Gruppe

Snohomish, Seattle

Mr. Johnson telefoniert seine Kontakte durch. Er muss ein Team zusammenstellen und hofft, dass es funktioniert, denn der Auftraggeber ist ein wichtiger Kunde. Außerdem war er ein Magier der grusligen Sorte, was er natürlich nie laut sagen, oder zugeben würde.

Als erstes rief er den kleinen Bücherwurm an, Vivi. Wobei “klein” in diesem Fall wörtlich zu nehmen war. Die Frau war ein verdammter Hamster. Wenngleich auch ein sehr schlauer Hamster. Er hatte schon öfter mit ihr gearbeitet (was natürlich bedeutete, dass er ihr schon ein paar Aufträge vermittelt hatte) und sie hatte bislang alles souverän erledigt. Sie war eine Magierin der angenehmen Sorte. Trotz ihrer kleinen Statur und ihrem eher unauffälligen Äußeren mit dem brünetten Zopf und den braunen Augen, hatte sie eine gute Figur. Die würde er durchaus gern mal auf den “Schoss nehmen”. Aber erstens würde sie vermutlich platzen und zweitens ging es hier um Geschäftliches. Das Telefonat war kurz, er bestellte sie für 22 Uhr ins Marys Diner.

Das Telefonat mit dem Troll war noch kürzer. Waren Trolle im Allgemeinen schon nicht besonders schlau, war dieser hier, namens Hatori, wirklich dumm. Andererseits musste er das auch nicht, denn mit seiner stattlichen Körpergröße, den üblichen Troll-Attributen und der Durchschlagskraft einer Abrissbirne, machte er auch so genug Eindruck, um durchaus zurecht zu kommen. Mr. Johnsons Anruf störte Hatori, als er gerade liebevoll seinen Bonsai pflegte. Sein kleiner Schatz war sein Ein und Alles. Schon seit Jahren umhegte er den Miniaturbaum – der für jeden anderen freilich ein stattliches Gewächs in Palmenformat darstellte – und er war wirklich stolz darauf. Kurz und knapp vereinbarten sie Zeit und Treffpunkt.

Mr. Johnson wollte den Rigger schon längst einmal testen. Er war ein lässig wirkender, recht unkomplizierter Zwerg von etwa 1,60m Größe und einer ordentlichen Portion Talent. Ein fähiger Rigger konnte ihm viel Geld einbringen, waren sie doch für Jobs aller Art sehr begehrt. Dieser hier war unerfahren, aber wenn er was taugte, könnte er eine kleine Goldgrube für ihn werden. Briz Masal liebte seine Werkstatt und die Schrauberei an den Autos und Drohnen, doch er freute sich über den Anruf von Mr. Johnson, versprach es doch mal einen etwas lukrativeren Job. Außerdem stand ihm der Sinn nach etwas Abenteuer. Also dann, um 22 Uhr im Marys Diner.

Über die scharfe Elfe war er zufällig gestolpert. Sie war offensichtlich neu in der Stadt und “frische Ware” erkannte Mr. Johnson sofort. Außerdem war die Schönheit kaum zu übersehen, wie sie so am Thresen der Kneipe lümmelte. Er weiß nicht mehr genau WIESO er ihr einen Job angeboten hatte, aber er brauchte sowieso noch jemanden für dieses Team und vielleicht hatte sie ja tatsächlich etwas auf dem Kasten. Lardia war eine eine Adeptin und dieser Auftrag war die perfekte Gelegenheit ihre Fähigkeiten zu testen.

22 Uhr

Marys Diner lag im Stadtteil Snohomish, einer etwas ländlicheren und ruhigeren Gegend von Seattle. Das Diner war im Stil der 1960er Jahre gestaltet und jeder der den Laden betrat, wurde von einem sexy rollschuhfahrenden Kellner oder Kellnerin begrüßt und an den Tisch geleitet. Das Treffen der Gruppe fand selbstverständlich im Hinterzimmer statt, wo das nötige Maß an Diskretion gewährleistet war. Die Runner hatten sich bereits eingefunden, als Mr. Johnson die Szene betrat. Und während sich Vivi beim Anblick des Trolls, der vorsichtig an den in seinen Händen wie Puppenspielzeug wirkenden Bierflaschen nuckelte, das Lachen verbiss, beäugten sich alle anderen misstrauisch.
Der Auftraggeber trat ein. Es war in der Tat ein unangenehm wirkender, blasser Mann von schlanker Statur, mit rituellen Tätowierungen auf dem rasierten Schädel. Ohne ein Wort des Grußes oder eine Vorstellung trat er ein, schätzte die Runde mit einem kühlen Blick ab und begann dann ohne Umschweife sein Anliegen vorzubringen: Ein Talisman war abhanden gekommen, auf dem Weg zu seinem Bestimmungsort. Scheinbar war der Fahrer, aus welchen Gründen auch immer, von der geplanten Route von Bellevue nach Snohomish abgewichen. Er hatte ein Route über die Redmonds genommen (Idiot), dort gab es einen Unfall und seither fehlt jede Spur von dem Artefakt. 15000 Belohnung winkten, für die Wiederbeschaffung bis spätestens 23Uhr des nächsten Tages. Das Angebot verfalle bei Nichteinhaltung der Frist, da der Talismann dann jeglichen Wert verliere. Keiner der Runner machte Anstalten, einen Rückzieher zu machen, also war der Deal in trockenen Tüchern. Mr. Johnson atmete innerlich auf.
Einziger Anknüpfpunkt für die Suche war ein Datenchip, auf dem die Route des Fahrers, sowie seine Abweichung und die Unfallkoordinaten enthalten waren. Außerdem das Bild einer Obidianstatue, wobei es sich wohl um das Artefakt handeln musste.
Mr. Johnson grübelte vor sich hin, ohne das durch seine neutrale Miene erkennen zu lassen. Er hatte solche Schnitzeljagden ins Blaue mit nur ein paar Bröckchen an Informationen immer gehasst. Zu viele unbestimmte Risiken, zu viele Variablen. Er rieb sich unbewusst eine Stelle am Bauch wo seine Narbe zu kitzeln begann. Tja, dachte er bei sich, so ist das Leben eines Runners eben.
Vivi hatte sich den Typ genau angesehen. Die Zeichen seiner Tätowierungen waren ihr bekannt vorgekommen, aber sie kam einfach nicht darauf woher. Aber ihr war klar, dass er Magier war und zusammen mit den Informationen, die sie über den Auftrag hatte, musste es sich bei dem Talisman um ein bereits magisch aufgeladenes Artefakt handeln. Daher auch die kurze zeitliche Frist, denn dann würde sich die magische Wirkung auflösen. So etwas hielt nicht ewig. Also nichts wie los. Nach einer kurzen Beratschlagung kam man überein, dass eine Stunde Zeitverlust gut investiert sei, wenn die Leute dadurch gut ausgerüstet an diese Sache rangehen könnten. Vivi brauchte keine Ausrüstung, sie brauchte nur ihr Köpfchen. Daher nutze sie die Zeit, indem sie sich über Lardias Burger mit Fritten hermachte. Diese hatte jetzt keine Zeit mehr dazu, ihn zu essen und es wäre doch schade drum.

23:45

Die Fahrt zur Unfallstelle verlief ereignislos, Briz hatte sie alle in seinem Bus untergebracht. Dort angekommen untersuchten sie den Tatort, aber außer ein paar Plastikteilen und der Kreidezeichnung sah er zunächst recht unspektakulär aus. Briz nahm das Schadensbild des Unfalls genauer unter die Lupe und kam zu dem Schluss, dass der Wagen wohl von hinten gerammt worden war. Und Vivi stellte bei der Untersuchung der Geisterebene nur fest, dass das Artefakt eindeutig hier gewesen und nun weg war. Was ihr noch auffiel, sie aber für sich behielt war, dass der Talisman unheimlich stark war. Die Magie war intensiv, mächtig und kunstvoll gewebt. Sie konnte nicht einmal ausmachen, welcher Art der Zauber war, nur dass die Kraft die darin steckte enorm war. Diese kleine Statuette war sicher gut und gerne 100.000 Credits wert. Kein Wunder, dass der Magier sie so unbedingt wiederhaben wollte. Dann entdeckten sie die Gangzeichen an der Leitplanke. Sowohl Vivi, als auch Briz kannten sie, sie gehörten zu den Crazy Monkeys, einer Gang aus den Redmonds mit etwa 15-30 Mitgliedern.
Vivi war schon etwas länger in der Stadt, und das ein oder andere schnappte man eben auf. Briz kannte sie aus der Szene. Sie waren bekannt dafür Autos auszuschlachten und die Teile dann weiter zu verkaufen. Immerhin hatten sie eine Spur.

Die Crazy Monkeys

Sie machten sich auf den Weg zum Hauptquartier der Crazy Monkeys, ohne einen klaren Plan zu haben, wie sie vorgehen wollten. An jeder Ecke des Viertels standen Mitglieder der verschiedenen Gangs, um ihr Revier zu markieren und zu verteidigen. Auch der Eingang zum Gebäude der Monkeys war bewacht und so parkten sie auf der Rückseite, um sich zu beraten. Schließlich schlug Vivi vor via Geistsuche hineinzugehen, um nach dem Artefakt zu suchen und Informationen zu sammeln. Dafür musste sie ihren Körper zurücklassen, der im Bus leblos in sich zusammensackte. Auf einer Zwischenebene der Existenz schwebte Ihre Essenz ins Lager der Gang. Der erste Raum öffnete sich groß vor ihr, wo mehrere Autos standen und einige Mitglieder der Gruppe gerade damit beschäftigt waren einen Wagen in seine Einzelteile zu zerlegen. Sie machte sich auf die Suche nach dem Artefakt. Bei der Energiemenge die es abstrahlte, sollte es leicht zu finden sein. Sie kam in ein unteres Stockwerk, wo einige Betten standen. Scheinbar ein Wohn- und Schlafraum der Männer und dort, auf einem Tisch, fand sie einen Hinweis auf das was sie suchte. Doch leider war es nur ein Abdruck, ein leichter Nachhall der Energiesignatur, die sie auch schon an der Unfallstelle wahrgenommen hatte. Also gut, hier konnte sie so nichts mehr ausrichten, zurück zu den anderen. Vivi kehrte zum Wagen zurück. Ihr Körper straffte sich, nur um zu stöhnen und die Hände an die Schläfen zu pressen. Sie nuschelte irgendwas von einer Kopfschmerztablette, berichtete dann aber detailliert von ihrem Ausflug. Die Runner sahen sich an. Nun blieb ihnen wohl nichts anderes übrig, als Briz´ Plan in die Tat umzusetzten, sich unter dem Vorwand Ersatzteile kaufen zu wollen, ein wenig umzuhören. Aus Gründen der Diskretion und zu Vivis Schutz, ließen sie Hatori bei ihr im Auto zurück.
Lardia und der Zwerg schlenderten entspannt auf die Wachen der Crazy Monkeys zu und während sie nach der ersten Musterung scheinbar als harmlos bestanden hatten, ging der rothaarige Kerl zu einer wohlwollenden intensiveren Musterung Lardias über. Sofort begann er sie anzubaggern. Briz Masal grinste und übernahm den geschäfltichen Anteil, indem er ihr Anliegen vorbrachte, einen Motor zu suchen; von dem Modell des Unfallwagens selbstverständlich. Ihnen wurde Einlass gewährt und man führte sie in die große Halle, wo die Wagen standen, wie Vivi es beschrieben hatte. Während der Zwerg damit begann, um Teile und Preise zu feilschen, entschuldigte sich Lardia und begab sich unter dem Vorwand zur Toilette zu gehen, auf die Suche nach Hinweisen. Doch anders als die Magierin, begab sie sich nach oben. Vorbei an den Toiletten kam sie auf ein Dach, wo leider zwei der Monkeys beim Rauchen standen und sie bemerkten. “He, was machst du denn hier?” rief der eine. Die beiden kamen auf sie zu. Sie setzte ein zuckersüßes Lächeln auf und erklärte, es tue ihr furchtbar Leid, sie habe sich auf dem Weg zur Toilette verlaufen. Männer glaubten unheimlich gern, Frauen seien komplett bescheuert, vor allem wenn sie ihr dabei auf die Brüste glotzen konnten. Die einfachsten Sachen funktionierten einfach am Besten, denn der eine winkte ab und grummelte “die ist da vorn im Gang rechts”, während der andere beschloss sie zu begleiten. Vielleicht war er misstrauisch genug, sie nicht alleine herumlaufen lassen zu wollen, aber nicht schlau genug sie für eine potentielle Gefahr zu halten. Er ging zu Boden wie ein gefällter Baum, kaum dass sie auf dem Flur allein waren. Mit einer “zufälligen” Berührung der Hand hatte sie ihn ins Traumland geschickt. Ihr Zeitfenster in dem niemand misstrauisch werden würde, schloss sich ohnehin, also kehrte sie zu Briz in die Halle zurück.
-————-
Währenddessen im Bus: Vivi erholte sich zusehends und langweilte sich ein bisschen – der Troll war nicht der beste Gesprächspartner – als dieser verkündet “Hatori muss pinkeln” und sich aus dem Bus schält. Er ging zu einem Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite und schon ergoss sich ein schier endloser Strom gelben Wassers. Mit morbider Faszination verfolgte Vivi, wie sich ein reißender Strom in der Rinne der Straße bildete und langsam die Fahrbahn überflutete.
-————

Briz schien erleichtert, sie kommen zu sehen und sei es auch nur, weil er die Verhandlungen kaum länger herauszögern konnte. Sie schüttelte leicht den Kopf, als sie auf ihn zuging, um ihm zu signalisieren, dass sie nichts gefunden hatte. Er verkündete, er wolle das Gangmitglied begleiten, um die Ware zu prüfen. So kam es, dass sie ins Untergeschoss geführt wurden, wo der Zwerg Lardia überraschte, indem er ohne Umschweife eine Waffe zog und auf den Monkey richtete. “Wo ist das Artefakt?” donnerte er. Der Typ wand sich ein wenig und Briz wirkte nun ein bisschen hilflos, also kam Lardia ihm zu Hilfe. Gemeinsam kitzelten sie aus ihm heraus, dass der Rucksack mit dem Talisman wohl an einen gewissen Viktor verkauft worden war. Zu finden sei dieser Kerl in einer Spelunke namens Sputnik im Rentoner Viertel. Na wer sagts denn, EIN weiterer Hinweis. Eilig kehrten sie zum Bus zurück. Die Straße war plötzlich halb überflutet, wo vorhin noch alles in Ordnung gewesen war. “Ist hier irgendwo ein Hydrant geplatzt?” äußerte Lardia ihre Verwunderung.

Das Sputnik

Natürlich war das Sputnik eine Russenkneipe. Mit den üblichen Möchtegern-Gangstern vor der Tür, wenngleich diese hier sicher ernstzunehmender waren, als die gegelten Typen vor dem Marys Diner. Viktors Garagenladen grenzte direkt daran an, die Rolltore geschlossen. Verdammt. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als in der Kneipe herumzufragen. Und das bei den Russen, bekannt für ihre Geschwätzigkeit und ihr fröhliches Wesen. Was für ein Spaß.
Die Gruppe betritt also die Kneipe. Aus Gründen der Tarnung (!) bestellten erstmal alle beim fröhlichen Russen am Tresen einen Drink. Völlig unerwartet wollte der Barkeeper nichts über Viktor erzählen und so verabschiedete sich Vivi erstmal aufs Töpfchen, jedoch nicht ohne Lardia mit sich zu ziehen. Weiber! Dass die nicht allein aufs Klo gehen können. Aber die Elfe hatte gleich verstanden, was die kleine Frau von ihr wollte: sie sollte auf sie aufpassen, während ihr Geist ihren Körper verließ, um sich auf der Geistebene etwas umzusehen. Sie zogen sich in die eine der beiden Kabinen zurück, die nicht besetzt war – mit einem Russenpärchen beim Dampfhammer-Fick. Vivi war schon zusammengesunken, sie bekam also nichts mehr mit von der Geräuschkulisse aus eindeutig rhythmischem Scheppern der Kabine, Grunzen und… Anfeuerungsrufen der Frau? Vivi, die Glückliche. Andererseits, wer weiß was sie auf ihrer Ebene zu sehen bekam. Lardia beschloss, den Gedanken nicht zu vertiefen. Gerade unterzog sie die Kabine einem prüfenden Blick, als die Gestalt der Magierin sich wieder straffte. Sie war zügig in ihren Körper zurückgekehrt und sah diesmal auch ganz fidel aus. Sie sprang auf, rollte mit den Augen und machte mit den Fingern eine laufende Geste. Was entweder bedeutete, sie sollten aus der Kabine verschwinden, oder dass das Artefakt nicht mehr hier war. Wie auch immer, Lardia ergriff die Gelegenheit zur Flucht vor dem Erdbeben, dass “Da!” hieß. Sie kehrten zum Tresen zurück, wo Hatori bereits wieder Spielzeugbiere um sich sammelte. Vivi schüttelte unmerklich den Kopf, was wohl so viel hieß wie “es ist nicht da”. Sie setzte sich auf einen Barhocker (dafür, dass sie fast klettern musste, sah es erstaunlich elegant aus), stützte das Kinn in die Hände und schaute den Barkeeper groß an. Die Jungs hatten offenbar schon versucht Fragen zu stellen, aber mit mäßigem Erfolg.
Mittlerweile war ein als Olga angesprochener üppiger Fleischberg von der Toilette in den Schankraum getreten und zog sich den Leopardenfellmuster-Stretchrock zurecht.
Vivi sah zu Lardia und zog die Augenbrauen hoch. Die große Runnerin seufzte innerlich. Verhandlungen mit Russen, das wurde auf die ein oder andere Weise eigentlich immer derbe. Sie beugte sich ganz weit zu dem Gläser polierenden Barmann hinüber und sah ihm in die Augen. Geschickt begann sie Fragen zu stellen, aber ihre Überredungskünste halfen ihr leider auch nichts. Er stierte ihr auf die Titten, grinste anzüglich und verkündete, wenn sie etwas über Viktor wissen wolle, müsse sie schon mit ihm in sein “Büro” gehen. Dann würde er ihr erzählen, was sie wissen wolle. Die hübsche Elfe zuckt nicht einmal mit der Wimper als sie völlig ungerührt verkündete “Okay, gehen wir in dein Büro”. Die versammelte Mannschaft glotzte sie blöde an, während Olga sie mit Blicken aufspießte. Die grinste und verschwand mit dem Bastard durch eine Tür. Gierig öffnet der Typ seine Hose und holte seinen Schwanz raus, doch da wendete sich das Blatt für ihn. Denn statt sein Ding in den Mund zu nehmen, hielt sie ihm einen ziemlich scharfen Dolch daran. “Da beginnt sogar der Russe zu schwitzen, was?” denkt sie bei sich und fragt ihn zuckersüß “So. Was ist jetzt mit Viktor? Wo finden wir ihn?”. Wie alle Kerle, hat auch dieser Widerling eine Heidenangst, wenn es um sein gutes Stück geht und schon sprudelt Viktors Adresse aus ihm hervor. Sehr erfreulich. “Herzlichen Dank”. Und als sie sich erleichtert durch die Tür zurückzieht brüllt der Mistkerl mit einem fiesen Grinsen im Gesicht “Echt super, Schätzchen! War toll”.

-

Die Gruppe floh regelrecht aus dem Club und war froh, Viktors Freunden zu entkommen. Allerdings war diese Freude nur von kurzer Dauer, da sie draußen von drei Männer der Crazy Monkeys erwartet wurden, die Waffen im Anschlag. Vivi entdeckte sie als erste und stieß eine kurze Warnung aus, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie nicht an ihnen vorbei kamen. Natürlich wollten sie mehr Geld. Nachdem die Runner dort aufgetaucht waren und herumgeschnüffelt hatten, war den Ganoven klar geworden, dass es sich um etwas wertvolles handeln musste, das sie da zum Schleuderpreis weiterverkauft hatten. Und die Fremden sollten nun die Zeche zahlen. Es entwickelte sich das übliche Geplänkel, als es Vivi zu bunt wurde. Sie kannte diese Spielchen. Das würde sich ewig hinziehen und zu nichts führen, also beschloss sie, die Dinge ein wenig zu beschleunigen. Nur, dass es anders lief, als sie geplant hatte. Eigentlich wollte sie die Männer der Gang lediglich mit Verwirrung schlagen, doch irgendwie schlug der Zauber Fehl. Vielleicht brauchte sie auch einfach zu lange, jedenfalls stieß einer der drei einen Ruf aus und eröffnete das Feuer. Eine Kugel traf sie direkt in den Bauch, eine andere kitzelte den Troll ein wenig, richtete bei ihm jedoch keinen nennenswerten Schaden an. Vivi ging sofort zu Boden, wo sie ungesunde Mengen ihres Blutes verteilte. Die anderen reagierten schnell. Nach einem kurzen Gefecht waren zwei der Monkeys ausgeschaltet und ein Dritter befand sich in Hatoris Würgegriff, der ihn mit wachsender Begeisterung schüttelte. Sie konnte dem Gespräch nicht ganz folgen, aber anscheinend wurde nach kurzer Debatte beschlossen, sie zu einem netten diskreten Arzt in der Nähe zu bringen, da sonst die realistische Gefahr bestand, dass sie hier in naher Zukunft kurzerhand verblutete.

Der Doktor

Etwas benommen presste Vivi die Hand auf die Wunde, aus der stetig weiter dunkles Blut quoll, während sie in den Bus geladen wurde, das letzte Gangmitglied zu einem handlichen Paket verschnürt neben ihr (das der Troll liebevoll mit seinen riesigen Pranken zu streicheln begann. Der Monkey sah darüber nicht glücklich aus). Aber es dauerte tatsächlich nicht lange, bis sie das Häufchen Magierin bei dem “Arzt” auf den Tisch laden konnten. Mit dreckiger Schürze und schmierigem Grinsen nahm er sie in Empfang und ohne Bestätigung seines saftigen Honorars, rührte der Mistkerl erstmal keinen Finger. Zum Glück war Vivi in der Lage, ihm die Credits sofort zu übertragen, sonst hätte er sie glatt auf seinem Tisch verbluten lassen. Zu Lardias großer Erleichterung schickte er die Kleine mit einer Injektion ins Traumland, bevor er begann die Kugel aus ihren Eingeweiden zu pulen. Fröhlich pfeifend machte er sich ans Werk, während er ihnen mitteilte, wieviel Glück sie doch gehabt hatte, dass das Geschoss den Darm verfehlt hatte. Für ihren Geschmack machte der Kerl diese Metzgerarbeit viel zu gerne, aber er machte seinen Job scheinbar ganz ordentlich. So kam es, dass Vivi zwar ziemlich blass und etwas high, aber ohne triefende Wunde die Hinterhof-Praxis relativ kurze Zeit später auf eigenen Beinen wieder verließ.

Viktor

Die Zeit im Auge machten sich die Runner auf den Weg zu Viktors Adresse. Wobei “Adresse” übertrieben war, denn sie hatten lediglich die Nummer eines Blocks und der war gelinde gesagt scheißgroß. Sie sahen sich kurz dort um, doch sie konnten keinen verwertbaren Hinweis finden. Dann kamen die Jungs auf eine geniale Idee: sie fragten die Obdachlosen, die vor dem Gebäude lungerten. Und mittels einer kleinen Bestechung in Form von ein paar Bier aus dem schier unerschöpflichen Bestand aus Hatoris Manteltaschen, bekamen sie Auskunft über Stockwerk und Zimmernummer des Genossen Viktor: 39. Stock, Appartement 250.
Vor seiner Tür angekommen unternahm Vivi erstmal eine kurze Reise auf Geistebene, um die Lage zu checken. Alles ruhig, der Typ schlief in seinem Bett. Wie bislang jedes mal in dieser Nacht, kann sie nur noch einen Abdruck des Artefakts finden. Sie zieht sich zurück und berichtet. Also der direkte Weg. Britz klopfte. Ein Schlurfen war zu vernehmen, als der Typ zur Tür kommt und durch den Spion schielt. Alle vier stehen deutlich sichtbar auf dem Flur. Er will natürlich wissen, was sie wollen und versucht sie auf morgen zu vertrösten. Das kommt natürlich nicht in Frage, sie brauchen Antworten. Jetzt. Er will einen Treffpunkt ausmachen, aber die Gruppe befürchtet – vermutlich zurecht – dass der Kerl sich dann aus dem Staub machen würde. Also beschloss Hatori kurzen Prozess zu machen, indem er einfach die Tür eintrat und Lardia “überredete” ihn auch ganz fix dazu, ihnen dabei weiterzuhelfen, die Spur des Talismans weiter zu verfolgen. Nämlich zu seinem Kontakt namens Francis, der sich im “Dirt” herumtreiben sollte. Mittlerweile ist es 03:30 Uhr.

Das Dirt

Das Dirt war eine Punk Kneipe, die sich ansonsten kaum von den anderen unterschied, außer, dass der Barkeeper wesentlich kooperativer war als die vorigen. Zumindest wenn die heiße Elfe ihren beträchtlichen Charme spielen ließ. Er erzählte ihnen, dass er diesen Francis kannte. Es sei ein Typ, der schon seit Jahren herkomme, aber in letzter Zeit wirklich seltsam geworden sei. Die Leute gingen ihm zunehmend aus dem Weg. Das musste ihr Mann sein. Mittlerweile hatte er es sich im Keller einer verlassen Supermarktbaustelle eingerichtet und ließ sich zunehmend immer seltener irgendwo blicken. Sie leerten ihre Alibi-Biere und machten sich auf den Weg.

Der Supermarkt

Als erstes unternahm Vivi eine ihrer Geistreisen. Hier musste sie vorsichtiger sein, denn es war anzunehmen, dass sie hier mit dem letzten Glied in der Kette das erste mal mit jemandem zu tun hatten, der magisch bewandert war. Sie bewegte sich umsichtig durch das Gebäude in Richtung Keller, da bestätigte sich ihr Verdacht. Sie traf auf einen Watcher. Das waren im Grunde harmlose Wesen auf der Geistebene, die allerdings ganz schnell unangenehme Konsequenzen mitbrachten, wenn man einen von ihnen auslöste und damit den Erschaffer alarmierte. Sie sah ihn sich genauer an und kam zu dem Schluss, dass sie nicht unbemerkt an ihm vorbei kam. Wenn sie sich weiter umsehen wollte, musste sie das kalkulierte Risiko eingehen, das Ding aus dem Weg zu räumen. Sie konzentrierte sich und fegte das Ding aus der Daseinsebene, ohne den magischen Alarm auszulösen. Sie wanderte weiter, bis sie zum überfluteten Teil kam. Dort hielt sie inne, denn hier konnte sie einige magische Energien wahrnehmen. Erstens: es befanden sich Wassergeister vor ihr, verborgen unter der ruhigen Oberfläche. Zu gern wäre sie noch ein wenig weiter eingedrungen, aber an denen kam sie nicht vorbei. Die Elementare würden sich ebenfalls manifestieren, sobald jemand das Wasser berührte, oder sie sich weiter näherte. Dann war es auch mit der Heimlichkeit vorbei. Zweitens: sie nahm den gesuchten Talisman wahr. Sie konnte ihn spüren, aber nicht sehen. Seine Signatur war da, aber verfälscht, oder verzerrt. Sie konnte es nicht näher beschreiben. Außerdem war da noch eine weitere Signatur. Was hatte das nur zu bedeuten? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Es war Zeit umzukehren, hier konnte sich nichts mehr ausrichten.
Zurück in ihrem Körper, berichtete sie den anderen von ihren Erkenntnissen. Nach kurzer Diskussion, ob man sich aufteile solle, entschieden sie sich dagegen. Gemeinsam machten sie sich also auf den Weg uns untere Stockwerk, zur Treppe. Sie kamen ganz gut voran, doch dann stießen sie auf die Wassergrenze. Die Treppe lief darunter weiter, bis zu einer Tür, die sie auf gar keinen Fall erreichen konnten, ohne das Wasser zu berühren. Sie sahen sich an. Die kleine Menschenfrau erklärte ihnen noch einmal, dass sich die Elementare erhoben, sobald sie die Oberfläche durchstießen, und es waren mindestens zwei. Hatori verkündete sowas wie “Ich mache Elementare kaputt!”, und damit war die Entscheidung gefallen. Vivi wirkte noch einen arkanen Schutzzauber, der sich wie eine warme Decke um die ganze Gruppe legte, dann traten sie ins Wasser…

(Auszug aus Vivi’s Tagebuch)
“”/characters/briz-masal" class=“wiki-content-link”>Briz greift nach der Tür, in der Wasserfläche bilden sich Wirbel, die sich aufzutürmen beginnen und von der Reling im nächst höher gelegenen Stockwerk aus brüllt jemand zu uns herunter. Es sind zwei Wassergeister, die sich da zu gefährlichen Gegnern formen und dort oben steht Francis und funkelt uns wütend an. In seiner heruntergekommenen Kleidung wirkt er nicht besonders beeindruckend, doch ich weiß bereits, dass er eine ernstzunehmende Gefahr darstellt. Wie um das zu bestätigen beginnt er einen Zauber zu wirken und uns entgegen zu schleudern. Eine zähe, glibberige Masse trifft mich an Hals und Gesicht. Der Schmerz ist heftig, als sich das Zeug durch die Haut ätzt und ich gehe erneut in die Knie. Das ist wirklich nicht mein Glückstag. Das wird übel werden, ganz übel. Der Kerl hat zwei mächtige Artefakte in seine Gewalt gebracht und es wird einen harter Kampf geben, vielleicht sogar mit schweren Verlusten. Wir werden eingekesselt sein zwischen ihm und seinen Elementaren und er wird uns… PENG!
Francis sackt leblos zusammen, die Wasserwirbel lösen sich auf. Lardia, die die Wand hoch geklettert ist, landet neben ihm, doch es gibt nichts mehr zu tun. Briz lässt den Arm sinken, in der Hand seine Waffe. Soviel dazu."

Briz hatte den Kerl knallhart mit einer Betäubungskugel auf die Bretter geschickt. Was dazu geführt hatte, dass seine geistige Verbindung zu den Elementaren abgebrochen und damit unschädlich gemacht wurden. Perfekt.

Am Ziel

Jetzt galt es nur noch das Artefakt zu bergen, also kletterten sie Lardia hinterher, Hatori die Magierin auf dem Arm. Oben angekommen stiegen sie über den bewusstlosen Francis hinweg, der wohl noch einige Stunden schlafen würde, und nahmen sein Lager in Augenschein. Allerdings gab es dort aus den Artefakten nicht viel zu entdecken. Die gesuchte Statue summte regelrecht vor Macht in ihrem Rucksack. Der andere magische Gegenstand war ein Stab, den Vivi in Ruhe genauer untersuchen müsste, um etwas über ihn zu erfahren. In dem geschwächten Zustand, in dem sie sich jetzt befindet, könnte sie nichtmal mehr die Herkunft eines feuchten Furzes herausfinden. Sie einigten sich darauf, dass der Stab bei ihr wohl am besten aufgehoben war und sie versuchen sollte, etwas über ihn herauszufinden, sobald sie wieder auf dem Damm war. Also brachten sie das Ding zu ihr, bevor sie wieder zu Marys Diner fuhren, um sich mit ihrem Auftraggeber zu treffen. Sie waren mehr als gut in der Zeit und das wurde mit einem saftigen Bonus belohnt. Von dem zweiten Artefakt sagten sie nichts. Als Runner verschenkte man nichts. Keine potenziellen Geldquellen, keine Informationen. Das konnte man sich gar nicht leisten und man musste sehen wo man blieb, darin waren sie sich alle einig.

Ein größeres Problem war das Schicksal des gefesselten Crazy Monkey in ihrem Auto. Sie hatten ihn fast vergessen (außer Hatori. Der schien ihn liebgewonnen zu haben und streichelte ihn ohne Unterlass. Noch ein bisschen mehr und sein Bonsai würde eifersüchtig werden) und jetzt mussten sie entscheiden, was mit ihm geschehen sollte. Er war eine potenzielle Gefahr, aber sie waren keine Mörder, wenn sie nicht mussten und wie Vivi ganz richtig bemerkte, hatte sie lieber eine mögliche zukünftige Allianz, als eine Leiche, die man entsorgen musste. Allerdings konnte sie es sich nicht verkneifen dem Monkey damit zu drohen ihn Hatori als Haustier zu schenken, sollte er ihnen nochmal Ärger machen. Für ihre geringe Größe konnte die winzige Frau erstaunlich angsteinflößend sein. Und so “setzten” sie das Gangmitglied wieder vor der Haustür ab.

…to be continued

Comments

eenara

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.